Montag, 17. April 2017

Rezension: Mhaire Stritter: Spielleiterwillkür. Richtig Spielleiten (Handbücher des Drachen)

Cover: Spielleiterwillkür
von Mhaire Stritter
(Handbücher des Drachen)
Verlag: Ulisses Spiele
Ein Bisschen zur Erklärung der Reihe: „Die Handbücher des Drachen“ sind als Konzept entstanden, nachdem Ulisses Spiele „Die Handbücher des Kobolds“ aus dem amerikanischem Übersetzt hatte. (Und dabei einiges an Schelte einkassierte, weil sie bei der Setzung anscheinend eine Schriftgröße verwendet haben, die eher in Richtung 8 oder noch geringer tendierte, so das die Schriftstücke allerhöchstens in PDF-Form lesbar wurden.) Der Drache ist deswegen hier namensgebender Patron geworden, weil das Maskottchen von Ulisses eine eben solche, feuerspeiende Echse ist.
Spielleiterwillkür von Mhaire Stritter ist dabei einer der beiden Hardcover aus diesem Triptichon, welches sich aus der Sicht deutscher Autoren mit dem Thema „Theorien über das Rollenspiel“ beschäftigt. Auf insgesamt 160 Seiten breitet Mhaire, welche innerhalb der deutschen Szene als das Gesicht von Orkenspalter TV bekannt ist, ihre Sichtweise auf das Thema Rollenspiel aus ihrer eigenen Sichtweise aus. Ergänzt wird das durch Kommentare Seitens unterschiedlicher „namhafter Personen aus der deutschen Rollenspielszene“. Namentlich sind das: Oliver Hoffman, einer der Gründer des Verlages Feder & Schwert, sowie der Erfinder von Engel. Moritz Mehlem, selbsternannter Old-School-Papst und begründer des Gratis Rollenspieltages. Michael Minger, Stellvertretender Verlagsleiter von Ulisses Spiele, ehemaliges Gesicht von DorpTV und eine von zwei Stimmen des DorpCasts. Andreas Gruner, der aus der Nadurion-Community stammt, einer Fan-Site über DSA. Außerdem gibt noch Heinz Featherly, misantrophe Plüsch-Eule und in seiner Funktion als Running Gag Maskottchen von Orkenspalter TV seine göttergleichen Weisheiten von sich. (Böse Zungen würden behaupten, dass die zweite Hälfte von Orkenspalter TV, Nicolas Mendrek, einfach nur in den Kommentaren rumtrollen wollte.)
Um erklären zu können, warum es sich bei Spielleiterwillkür handelt, macht es wohl am ehesten Sinn zu schreiben, worum es sich bei dem Buch nicht handelt: Es ist keine methodische Abhandlung über typische Werkzeuge des Spielleitens, welche von eine wie auch immer gearteten theoretische Basis unterfüttert wurde.
Mhaire Stritter geht – mit der Ansicht über die Jahre sehr viel aus ihren eigenen Fehlern als SL gelehrnt zu haben – in diesem Buch weitestegehend Anekdotisch und Unterhaltsam auf unterschiedliche Themen ein, welche die Methode des SL-Jobs betreffen, immer unter der Prämisse, dass sie hier ihren eigenen Spielstil, den sie als stärker narrativ und eher regelleicht geprägt umschreibt, für ihre Sichtweise heranzieht. (Aus diesem Grund sind die anderen Kommentatoren in dem Buch vertreten, welche die von Mhaire gestellten Thesen unter einer anderen Prämisse mit ihren eigenen Erfahrungen entsprechend abgleichen und dabei jeweils sich kritisch äußern dürfen.)
Und das ist auch schon ein sehr zentraler Punkt, den man sich vor Augen halten sollte: Was hier vorkommt ist zwar durch die Bank weg sehr stark idiologisch aus einer äußerst subjektiven Perspektive eingefärbt, allerdings sind sämtliche Personen, die an dem Buch mitgeschrieben haben vom Tonfall her zivil. Es gibt zwar durch die Bank weg wiedersprüche, aber keinerlei Schläge unterhalb der Gürtellinie. Jeder beteiligte – mal Abgesehen von Heinz – ist sich hier der Tatsache bewusst gewesen, das seine jeweilige Position ersteinmal nur für die jeweils eigene Person gegolten hat. (Das heißt, dass es durchaus an mehreren Stellen Formulierungen wie „es ist für mich unverständlich, dass ...“ gibt, aber halt eben immer mit den entsprechenden Argumenten unterfüttert, wenn notwendig, warum man für sich selbst die entsprechende Position so vertritt. Was ungeheuer erfrischend ist, wenn man vergleichbare Ansätze über ein Jahrzehnt in diversen deutschsprachigen Foren verfolgt hat, in denen dann sehr schnell die jeweilige Person angegriffen, aufs übelste Beschimpft und/oder auch indirekt bedroht wird. Der Inhalt der Kommentare passiert tatsächlich auf Augenhöhe.)
Und bevor wir uns Mißverstehen: Natürlich wird hier einiges über manche Werkzeuge besprochen, auf die man als SL zurückgreifen kann. Allerdings ist das eher über Themen geschrieben, die mehr auf den Aspekt eines „Woher Ideen nehmen“ als „Wie methodisch einen Plotaufbau planen“. (Wer also eher die grundtheoretische Methodik einen Relationship-Mappings oder ähnlichem erwartet hatte, sollte eher zu den Üblichen Verdächtigen von Dominik Wäsch oder Robin Laws greifen.) Das Buch kommt daher vollständig aus der Praxis heraus. (Was nicht heißen soll, dass die theoretischen Abhandlungen nicht auf praktischer Erfahrung aufbauen würden. Mhaires Art über Dinge zu schreiben ist nur mit einer gänzlich anderen Zielsetzung aufgebaut, die halt eben mehr den Handwerklichen Touch aufweisen.) Und für diesen Ansatz passt auch der anektdotische Ansatz wurderbar, auf den immer wieder zurückgegriffen wird um aufzuzeigen, wie man aus den entsprechenden Fehlern, die man selbst bauen kann, eventuell für die Zukunft etwas lernen könnte. (Insbesondere kann das auch bedeuten, dass man machmal einen gewissen kleineren Umschwung in der Basisplanung einbringen sollte, weil mittlerweile zu offensichtlich und voraussehbar ist, was jetzt wirklich das eigentliche Ziel an der ganzen Sache war.) Und gerade das macht das Buch so unglaublich sympathisch.

Zur optischen Gestaltung: Das Cover, welches eine (mMn) sehr Magierlastige, stark an Pathfinder erinnernde, Abenteurergruppe zeigt, die sich einem Angriff von Untoter stellt ist Handwerklich durchaus ansprechend gestalltet. Irritierend bei der ganzen Sache ist nur, dass man gerade Mhaire eher mit dem Rollenspiel „Numenera“ verbidnet und daher eher etwas in die Richtung erwartet hätte. (Ulisses als Herausgeber der ganzen Geschichte hin oder her.) Der Grund bei dieser Sache ist wohl, dass bestimmte „Dankeschöns“ des Crowdfundigs tatsächlich einzelnen Personen die Möglichkeit eröffneten ihre Abenteurergruppe an SCs auf dem Cover zu verewigen. (Gleiches gilt für die Illustrationen im Buch, was dazu geführt hat, dass ich meine Daniel Neugebauer von System Matters wiedererkannt zu haben.) Der Rest sind dann diverse, zu den jeweiligen Stellen passende Fotografien, welche zu einem Großteil den Videos der Orkenspalter entnommen worden ist.) Das passt zwar alles, ist aber zuweilen – wie im Beispiel des Covers – auch ein wenig kontextuell hochgradig irritierend.

Fazit


Viel mehr als das, was ich oben gesagt habe kann man eigentlich gar nicht zu dem ganzen Schreiben: 160 Seiten voller SL-Tipps mit der anekdotischen Note. Das ganze ist keine theoretische Abhandlung über die Methodik, weißt aber trotzdem auf eine ganze Reihe sehr praktischer Methoden hin. Und das alles in einem sehr unterhaltsamen Schreibstil verfasst. Das begeistert zwar sicherlich nicht jeden, bietet aber durchaus genügend Stoff für alle möglichen interessierten Leute an, um einen Blick wert zu sein. Ich bereue die Ausgabe jedenfalls nicht.

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